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Andere Meinung? Nein danke!

Was macht es uns eigentlich so schwer, mit Standpunkten umzugehen, die von unserer Meinung abweichen? Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe.

Image by Tú Anh; pixabay


Die heisse Phase der Diskussionen über Corona-Impfungen und -Massnahmen ist abgeebbt. Egal, welche Meinungen wir dabei vertreten haben, können wir es immer noch nicht fassen, wie andere Menschen ernsthaft gegenteiliger Meinung sein konnten. Und kaum jemand hat Lust, sich mit diesen abweichenden Sichtweisen zu beschäftigen. Hauptsache vorbei.


Doch was ist der Grund dafür, dass wir auf Gegenargumente und deren Verkünder so unwillig reagieren?

Dazu haben Julia Minson von der Harvard University und Charles Dorison von der Northwestern University ein interessantes Paper publiziert: «Why is exposure to opposing views aversive? Reconciling three theoretical perspectives»

Dabei haben Sie drei mögliche Erklärungsansätze miteinander verglichen:

  • Selbstbedrohung durch kognitive Dissonanz (= abweichende Agumente kollidieren mit unseren Erklärungsansätzen, wodurch wir uns bedroht fühlen)

  • Naiver Realismus (= Illusion persönlicher Objektivität)

  • Abneigung, kognitive Anstrengungen zu unternehmen (= Vermeiden anstrengender, energieraubender und zeitintensiver Recherche- und Denkarbeit)

… wir führen abweichende Meinungen auf intellektuelle Schwäche, Urteilsunfähigkeit oder moralische Unzulänglichkeiten der Gegenseite zurück

Die Autoren kommen in ihrem Paper zum Schluss, dass der «naive Realismus" das Entstehen negativer Emotionen bei der Konfrontation mit Gegenargumenten am besten erklärt.

Diese Theorie lässt sich so zusammenfassen: wir sind «einfach sicher», dass unsere Meinung die richtige ist. Und wir führen abweichende Meinungen auf intellektuelle Schwäche, Urteilsunfähigkeit oder moralische Unzulänglichkeiten der Gegenseite zurück.

Und die in uns hervorgerufenen Emotionen (z.B. Ablehnung oder Abscheu) bestärken uns in unserem Glauben, recht zu haben, erst recht.


Die Forschungsarbeiten von Robert B. Cialdini zur «Psychologie des Überzeugens» sieht den «naiven Realismus» eher als Folge der «Abneigung, kognitive Anstrengungen zu unternehmen».

Er beschreibt sechs Automatismen bzw. Denkabkürzungen, auf die wir bei unklaren Situationen zurückgreifen, um Zeit zu sparen und fehlende Kompetenz zu kompensieren (= uns kognitiv anzustrengen):

  • Reziprozität (= wir fühlen uns verpflichtet, etwas zurückzugeben, wenn wir etwas bekommen haben)

  • Knappheit (= knappe Güter erscheinen uns begehrenswerter)

  • Autorität (= wir vertrauen Menschen, von denen wir den Eindruck haben, sie seien kompetent und an unserem Wohlergehen interessiert)

  • Commitment & Konsistenz (= wir versuchen, mit unseren Handlungen im Einklang mit früheren Entscheidungen und Äusserungen zu bleiben)

  • Sympathie (= wir vertrauen schönen und/oder uns ähnlichen Menschen)

  • Konsens bzw. soziale Bewährtheit (= im Zweifelsfall orientieren wir uns an «den Anderen»)

Diese Automatismen helfen uns, auch angesichts Informationsmangel und -überfluss «meinungsbildungsfähig» zu bleiben. Nachfolgend möchte ich einige dieser Mechanismen darauf hin untersuchen, wie diese ebenfalls dazu beitragen könnten, dass wir unwillig und ablehnend auf abweichende Meinungen reagieren.


Autorität

Wenn wir krank sind, dann genügt uns in der Regel ein «Dr.» (noch besser ein «Prof. Dr.») auf dem Namensschild, um auf den Rat dieser Person zu hören (= deren Meinung zu übernehmen).

Um diesen Automatismus zu nutzen, wurden in der Corona-Debatte von allen Beteiligten sehr oft Ärzte, Professoren und andere Wissenschaftler zitiert.

Und wer von uns wäre wirklich in der Lage gewesen, deren Aussagen kompetent zu hinterfragen. Vom dafür notwendigen Zeitaufwand gar nicht zu sprechen.


Commitment & Konsistenz

Vielleicht war es eher Zufall, in welchem Lager man in der grossen Unsicherheit in der ersten Pandemiephase gelandet ist. Doch sobald wir uns dann in die eine oder andere Richtung geäussert hatten, hat dieser Automatismus gegriffen: wir möchten in den Augen anderer als konsistent mit einmal gemachten Aussagen erscheinen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wir sind doch kein Fähnchen im Wind …


Konsens bzw. soziale Bewährtheit

Gerade bei Unsicherheit ist es sehr beruhigend, wenn wir hören, dass andere Personen unsere Meinung teilen. Damit das so bleibt, wählen wir Informationsquellen (z.B. Medien, AutorInnen und Artikel) selektiv aus. Und je konsequenter wir dies tun, desto sicherer sind wir, dass die Mehrheit der Menschen gleicher Meinung ist wie wir - auch wenn es objektiv betrachtet nur die Mitbewohner unserer Bubble sind.


Klar, wir hätten natürlich auch mit viel Energie und Zeit möglichst alle verfügbaren Quellen sichten und uns das notwendige Wissen aneignen können, um erstere kompetent zu beurteilen. Dann hätten wir uns nicht an anderen Autoritäten orientieren müssen. Und hätten von Anfang an eine objektiv gültige Position bezogen und diese bei Bedarf emotionslos dem neusten Wissensstand angepasst. Und hätten somit nicht den Schutz des Konsens mit «der Mehrheit» benötigt.

Doch warum hätten wir das auch tun sollen.

Wir wussten ja «einfach», dass wir recht haben ;-)


Die nächsten Übungsmöglichkeiten zur «richtigen» Meinungsbildung kommen bestimmt oder sind schon da. Z.B. die Bildung unserer Meinung zum richtigen Umgang mit Russland, wenn wir im Winter über längere Zeit frieren sollten …


Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Ein wichtiger Hinweis zum Schluss: die oben beschriebenen Mechanismen sind in den meisten Fällen ausserordentlich hilfreich und führen mit einem sinnvollen Kosten/Nutzenverhältnis zu Ergebnissen, die uns im Alltag entscheidungs- und handlungsfähig machen.

Wir können uns einfach nicht über jedes Thema eine fundierte eigene Meinung bilden. Doch der Preis dafür ist, dass wir manipulierbar sind, wenn jemand diese Zusammenhänge kennt und geschickt einzusetzen weiss.


Thomas Kis

26.10.2022

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